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„Bruckner im Labor“ - Portrait Jakob Fliedl

  • Autorenbild: Rut Bantay
    Rut Bantay
  • 21. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Mai

Laboratorium, das : Arbeits-, Forschungsstätte für experimentelle wissenschaftliche Arbeiten (im Bereich von Naturwissenschaften und Medizin). Diese Definition findet man bei Nachschlagen im Duden zu dem Begriff Laboratorium oder kurz Labor; den Zusatz mit Naturwissenschaft und Medizin habe ich jetzt mal eingeklammert, denn bei unserem Laboratorium, dem Konzertlabor am morgigen Freitag, den 22.5.2026 um 19:30Uhr im Pfalzbau in Ludwigshafen, handelt es sich um ein neues Konzertformat, erdacht von Ideengeber und stellvertretendem Solofagottist unseres Orchesters Jakob Fliedl, zusammen „experimentiert“ und entwickelt mit weiteren Mitstreitern, Anikó Szathmáry, Ewa Doktor, Alexander Kunz und Judith Opitz, aus Kollegenreihen und Öffentlichkeitsarbeit bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.

Auf dem Programm steht die sechste Sinfonie von Anton Bruckner, „Da pacem Domine“ für Streichquartett von Arvo Pärt, ein Stück von Robert Schumann, „Gesänge der Frühe“, für Klavier allein und im ersten Teil des Konzertabends wird Jakob Fliedls neues Werk für die Staatsphilharmonie, „Tanz mit der Maschine“, unter der Leitung unseres Gastdirigenten der Woche Gergely Madaras, erklingen. 1:1 stimmt die hier beschriebene Reihenfolge natürlich nicht, denn wie es sich für eine Versuchsanordnung gehört, wird auch in dieser Hinsicht alles etwas anders ablaufen, wie Sie es als alte Konzertpublikum-Hasen sonst so kennen: Es wird unkonventionell und spannend im sehr positiven Sinn! Die Sinfonie von Anton Bruckner setzt, wie Jakob auch in seiner untenstehenden Antwort andeutet, die große Klammer oder noch eher das Gerüst oder, um bei dem Begriff des Laboratoriums zu bleiben, steht gleichsam als das Gebäude, dessen Räume dann mit den weiteren Werken ausgestaltet werden.


(Er)kennen Sie diesen Mann?
(Er)kennen Sie diesen Mann?

Dass der Begriff „Labor“ weiterhin auf alle Parameter des Konzertabends anzuwenden ist, es gibt ebenso interessante Neuerungen für die Auftritts- und Bühnensituation, wie auch kleine Experimente das Publikum und die Lichtregie betreffend, können Sie sich nun sicher denken; - ich muss hier die Balance finden, denn zuviel möchte ich nicht verraten. Neugierig geworden? Anbei natürlich der Link zur Konzertkasse, damit Sie, liebes Publikum, gerne noch eine Karte erwerben können, um dabei zu sein:


Sind Sie vorhin beim Lesen des Programms kurz „gestolpert“? Ja, Sie haben richtig gesehen, das neue Stück von meinem Kollegen Jakob Fliedl, der neben dem er ein ausgezeichneter Fagottist ist, auch komponiert, wird uraufgeführt. Einige seiner Kammermusikwerke, wie zuletzt „Fünf Miniaturen“ für Fagott und Cello, seine „Sonata for Four“ für vier Fagotte und sein Duo „Serenade“ für Fagott und Kontrabass sind bereits beim Friedrich Hofmeister Musikverlag gedruckt und herausgegeben worden und wurden auch in unserer Kammermusikreihe SO um 5 aufgeführt oder aufgenommen. Daher möchte ich Ihnen hier sehr gerne Jakob in einem kurzen Portrait und zunächst seine Komposition vorstellen, über die wir diese Tage gesprochen haben:


🧪Dein Werk „Tanz mit der Maschine“ hast Du dieses Jahr für uns, die Deutsche Staatsphilharmonie RLP, vermutlich zu dem Anlass des Konzerts „Konzertlabor“ komponiert. Kannst Du ein wenig die Entstehungsgeschichte erläutern, bzw. die zugrundeliegenden Gedanken deiner Komposition? Anhand der Cellostimme sehe ich gleichsam die komponierte Fassung zu einer „Maschine“, von deren Idee und Entstehung zur Fertigstellung, wobei die verschiedenen „Sätze“ oder Abschnitte Variationenhaft mit oft wiederkehrendem thematischen Material gekoppelt und als teils „Tänze“ überschrieben sind.

„Ja, richtig, das Stück entstand anlässlich der ersten Ausgabe des Konzertlabors. Schon sehr früh in der Konzeption dieses Formats habe ich darüber nachgedacht, ein eigenes Werk dafür zu schreiben. Entsprechend lange hat mich auch der inhaltliche Gedanke beschäftigt. Insgesamt habe ich mich fast ein Jahr lang mit der Idee auseinandergesetzt. Die eigentliche Komposition hat dann etwa ein halbes Jahr in Anspruch genommen.

Für das Konzertlabor haben wir als zentrales Werk des Abends Bruckners 6. Sinfonie gewählt, ein unglaublich beeindruckendes Stück. Für mich besitzt diese Musik eine enorme klangliche Räumlichkeit: ein monumentaler, blockhafter Klangbau, dessen Sätze sich klar voneinander absetzen lassen, ohne dass der große Spannungsbogen verloren geht. Daraus entstand für mich die Frage: Was könnte man in diesen Klangraum hineinsetzen?

Neben dem Monumentalen hat Bruckners Musik für mich auch etwas Maschinelles, gerade durch dieses Blockhafte, Mechanische. So entstand das Bild der Maschine. Gleichzeitig habe ich viel darüber nachgedacht, was unsere Zeit momentan prägt. Dabei ist mir immer stärker aufgefallen, wie fragmentiert unser Leben geworden ist und wie sehr wir (bildlich gesprochen) ständig mit Maschinen tanzen.

Der Grundgedanke des Stücks ist deshalb, dass der Mensch immer wieder glaubt, eine bestimmte Maschine erschaffen zu müssen, die plötzlich alles besser macht. Diese Maschinen sind unglaublich verführerisch, man kann sich ihnen kaum entziehen. Der konkrete Impuls kam tatsächlich in der Zeit auf, als künstliche Intelligenz durch die neuen KI-Tools plötzlich für alle zugänglich wurde. Ich habe mich gefragt, ob der Mensch irgendwann überhaupt noch ohne diese Hilfsmittel handeln kann.

Im weiteren Sinne geht es aber nicht nur um Technologie. Auch gesellschaftliche Strukturen, wirtschaftliche Systeme, Smartphones, das Internet oder generell dieses ständige Funktionieren-Müssen üben eine ähnliche Macht auf uns aus. Daraus entstand das Bild des Menschen, der sich selbst eine Maschine konstruiert, die ihn dann wiederum zum Tanz verführt.

Der Tanz beginnt zunächst fast vertraut, beinahe harmlos, steigert sich dann aber zunehmend bis hin zu etwas Wildem und Kontrollverlustartigem. Zwischendurch gibt es Momente der Reflexion, in denen man versucht, sich dem Ganzen zu entziehen und über das eigene Sein nachzudenken. Aber die Maschine lässt einen nie wirklich los. Dieses Motiv kehrt im Stück immer wieder zurück.

Gerade im experimentellen Rahmen des Konzertlabors wollte ich außerdem den Raum selbst mit einbeziehen. Deshalb sind einzelne Musikerinnen und Musiker im Raum verteilt. Dadurch entsteht das Gefühl, ständig von diesen Gedanken umgeben zu sein, ähnlich wie bei dem Drang, ständig auf das Smartphone schauen zu müssen oder permanent darüber nachzudenken, was andere von einem erwarten oder was man noch erledigen muss. Diese Maschine bleibt präsent.

Im Stück findet der Mensch zwar scheinbar kurz zu sich selbst zurück, wird am Ende aber doch erneut von der Maschine ergriffen und zu einem letzten, dominanten Tanz verführt, der schließlich in einer Explosion mündet.

Die einzelnen Abschnitte tragen deshalb auch programmatische Titel: Das Stück beginnt mit „Die Erfindung“, danach folgt „Das Erwachen“, dann der erste Tanz. Anschließend kommt ein "Bruch / Interludium", das in eine Reflexion über das Sein führt. Danach folgt „Die Versuchung“, in der dieses bedrohlich-verführerische Moment zurückkehrt, bevor schließlich alles im "letzten Tanz" kulminiert.“ (Anm. d. Red.: Jetzt bin ich ehrlich gesagt ein wenig sprachlos, ob Deiner Antwort(en); im Grunde sind dies existenzielle Gedanken in all unsere Themen- und Lebensbereiche hinein und, ja, philosophisch-ethisch und allumfassende Werte einbeziehende Ideen, die Du mit und durch die Konzeption zu diesem Abend und Deinem Werk gewälzt hast.)


🧪Du bist mir neben Deinem hervorragenden Fagottspiel schon längst auch als Komponist kammermusikalischer Werke bekannt, die ja auch bereits herausgegeben sind. Ist dies Deine erste sinfonische Komposition und verzeih die Frage, vermutlich liegt es in der Natur des Musikers - mir geht es jedenfalls so -, dass man gerne Vergleiche zieht oder nach „Vertrautem“ sucht, gibt es etwas oder andere Komponisten, die Dich in Deiner Tonsprache beeinflusst haben? Möchtest Du vielleicht den Konzertbesuchern verraten, wie Du selbst Deinen Stil beschreiben würdest oder was Dir in dieser Komposition (und Deinen weiteren Werken) wichtig war und ist auszudrücken?

„Vielen Dank für das schöne Kompliment. Ja, „Tanz mit der Maschine“ ist tatsächlich meine erste sinfonische Komposition.

Die Frage nach konkreten Einflüssen finde ich gar nicht so leicht zu beantworten. Ich glaube, dass mich vor allem das Orchesterspiel selbst prägt, also der tägliche Kontakt mit unglaublich vielen unterschiedlichen Werken und Klangwelten. Dieser permanente Austausch mit Musik beeinflusst natürlich auch das eigene Denken als Komponist.

Und dieses Bedürfnis, in Musik etwas Vertrautes zu suchen, finde ich tatsächlich sehr spannend. Vielleicht ist genau das auch ein wesentlicher Bestandteil meiner eigenen Musik: das Spiel mit Vertrautem und gleichzeitig dessen Brechung oder Verzerrung. Mich interessiert dieser Kontrast zwischen Alt und Neu sehr.

Ich habe große Freude daran, Melodien zu schreiben und mit Klangfarben zu arbeiten, aber genauso spannend finde ich es, Erwartungen zu unterlaufen oder plötzlich in eine andere Richtung zu führen. Beim Musizieren bin ich generell sehr analytisch, auch im Orchesteralltag. Oft höre ich bestimmte Farbkombinationen, Harmonien oder kompositorische Lösungen und denke: Das ist interessant, das ist wirkungsvoll oder elegant notiert. Auf diese Weise entsteht mit der Zeit ganz automatisch ein eigenes musikalisches Vokabular.

Besonders inspirierend finde ich außerdem, wie Kolleginnen und Kollegen auf ihren Instrumenten Emotionen und Stimmungen ausdrücken, nicht nur technisch, sondern auf einer sehr persönlichen, emotionalen Ebene. Das beeinflusst mich beim Komponieren stark.

Mir ist wichtig, Musik zu schreiben, die nach außen hin eine Geschichte erzählt, aber gleichzeitig auch den Musikerinnen und Musikern selbst ein intensives Erlebnis ermöglicht. Idealerweise entsteht dabei etwas, in das alle gemeinsam eintauchen können.

Und das war letztlich auch bei dieser Komposition mein wichtigstes Anliegen: dass man als Zuhörer oder Ausführender das Gefühl hat, eine Welt zu betreten, von der Musik gepackt zu werden und für eine gewisse Zeit vollständig darin aufzugehen, unabhängig vom konkreten Programm oder der Idee der Maschine selbst.“


Gerade auch den letzten Abschnitt Deiner Antwort hier finde ich sehr eindrucksvoll und ansprechend, denn ich kann das als ausführender Musiker total nachempfinden, als (viel zu selten) Zuhörer dagegen fällt mir das „darin Aufgehen“, weil man gepackt wird, viel schwerer als beim selber Spielen, denn man hört doch irgendwo kritisch und immer auch etwas (zu?) analytisch zu. Dagegen gelingt mir dieses Eintauchen immer wieder auch mit und durch Sprache, also beim Lesen. Ich habe sogar einen kleinen Ordner von Gedichten aller Epochen und verschiedenster Lyriker mit der Zeit angelegt, bei denen mich die Sprache, Sprachfluss oder Ästhetik, aber auch Inhalt, so angesprochen hat, dass ich diese immer wieder gerne lesen möchte. Noch mehr genieße ich letztlich nur das Vorlesen für meine Kinder, teils von bereits lange vertrauten, selbst mehrfach gelesenen Büchern, aber auch Neuem.

Jedenfalls ganz herzlichen Dank, Jakob, für die Zeit, die Du Dir so kurz vor der Uraufführung und diesem, „Deinem“ Projekt, bei dem Du natürlich auch noch am ersten Fagott mitwirkst, genommen hast, um Dich auszutauschen!

Gerne können Sie hier auch noch über seinen Werdegang lesen:



Jakob Fliedl ist Fagottist und Komponist und seit 2017 Mitglied der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.

Er wurde bei Dag Jensen an den Musikhochschulen in Hannover und München ausgebildet und ist Preisträger des internationalen Muri Wettbewerbs in der Schweiz, bei dem er auch mit dem Heinz Holliger-Spezialpreis für die beste Interpretation des Werks „Klaus-Ur“ ausgezeichnet wurde.

Als Solo-Fagottist führte ihn sein Weg in verschiedene europäische und internationale Orchester, darunter das New Zealand Symphony Orchestra, die Oper Göteborg, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, das Staatstheater Stuttgart sowie die Münchner Symphoniker.

Parallel dazu entwickelte sich eine frühe und nachhaltige Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik und dem eigenen Komponieren, ein Schwerpunkt, den er im Studium der Neuen Musik in München vertiefte. Seine Kompositionen werden als „fesselnd“, „überraschend“ und „originell“ beschrieben und entfalten sich aus klanglicher Verdichtung, klar geführter Melodik und markanten Kontrasten. Sie folgen dramaturgischen Spannungsbögen, in denen sich Energie und Ruhe, Verdichtung und Öffnung unmittelbar begegnen. Seine Werke werden regelmäßig international aufgeführt und waren unter anderem im Arnold Schönberg Center in Wien, im Herkulessaal München, beim Maiklänge Festival in Verden, im Palau de la Música Valencia und im Grand-Théâtre de Bordeaux zu hören.

Interpretiert werden seine Werke von Künstlern wie Nabil Shehata und Gilbert Audin sowie von Ensembles und Musikern der Münchner Symphoniker, der Thüringen Philharmonie, des Orquesta de Valencia und der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.


Liebes Publikum, hiermit an Sie nochmals die wärmste Einladung, sich auf das Experiment im Pfalzbau morgen als neugierige und aufgeschlossene Laborant*innen einzulassen und noch mehr Freude und Staunen über aufregende, bewegende und neue Höreindrücke.


Bis dahin,

Ihre Rut Bantay

 
 
 

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