Fühlen, bevor wir darüber nachdenken…
- Rut Bantay
- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 12 Stunden
In dieser Woche stehen uns zwei Konzerte mit einem Ohrwurm verheissenden Programm unter der Leitung von Robin Wallington bevor. Zunächst muss ich mich aber wohl outen: die allermeisten Filme, aus denen wir die eindrückliche, emotionale oder einfach phantastische Musik spielen, habe ich noch gar nicht angesehen und kenne also nur viele grandiose Melodien, wie von Elmer Bernstein zu „Die glorreichen Sieben“, Klaus Badelts „Pirates of the Caribbean“, aber auch ältere Klassiker wie von
Bernhard Herrmann zum Hitchcock Klassiker „Psycho“ oder von Erich Wolfgang Korngold aus dem Jahr 1938, „The Adventures of Robin Hood“. Daneben dürfen natürlich auch nicht ans Herz gehende Melodien, wie die Themen von John Barry zu „Out of Africa“ oder die phantastisch-magischen Klänge John Williams zum Film „Harry Potter and the Sorcerer's Stone“ und zuletzt nicht die bombastische Star Wars Suite fehlen. Immerhin „Harry Potter“ hole ich gerade lesender- und danach DVD-schauenderweise mit meinen Kindern nach…
Bei uns werden Sie die meisten dieser Filmmusiken zusammengestellt als sinfonische Suiten hören: d.h. die Hauptthemen bspw. zu Personen oder Schlüsselszenen sind als mehrsätzige Folge bearbeitet, so dass wir diese als in sich geschlossene Werke aufführen können, die dann hervorragend auch ohne den Film funktionieren. Dennoch ist Gänsehaut, Spannung und Schwelgen angesagt. Aber warum ist das so, wieso spricht uns gerade im Film die Musik so sehr an, bzw. stellt diese eigentlich neben den bewegten Bildern und der Handlung, dem Text und den Dialogen, eine weitere Ebene dar, ohne die wir uns vermutlich in vielen Szenen nur halb so Gruseln würden, emotional werden oder uns in Euphorie versetzen lassen könnten? Letztens habe ich gelesen, Film-Musik spricht den Teil im Gehirn an, der für unsere Gefühle zuständig ist: wir müssen also noch gar nicht den Mörder im Raum sehen, oder die Worte hören, wenn die eine Person der anderen die große Liebe gesteht, sobald die dazugehörige Musik erklingt, reagiert unser Körper bereits entsprechend mit Aufregung und Anspannung, Taschentuch-Momenten und dem ganzen Register an Empfindungen. Dazu beherrschen Meister wie John Williams die perfekte Leitmotivtechnik, belegen also die Hauptfiguren immer mit den gleichen melodischen Themen und setzen so auf den Wiedererkennungseffekt. Genauso spielt das Timing aber auch eine entscheidende Rolle: so kann man Schnittgenau Akzente auch klanglich setzen, sogar bis hin zur exakten Vertonung einzelner Bewegungen, die dann viel eindrücklicher wirken. Man denke da nur an die „Mord-Szene“ in Psycho in der Dusche, bei der jeder einzelne Messerstich mit schrillen, hohen Streicher marcato-Strichen belegt wird. Natürlich schafft Musik auch immer das auszudrücken, wo Worte nicht mehr ausreichen oder gar das Unausgesprochene zu vertonen. Zuletzt lenkt sie unsere Interpretation: dies merkt man erst, wenn man sich Szenen ohne Ton ansieht, manchesmal wirkt es dann geradezu neutral oder aber mit bspw. bedrohlichen Klängen unterlegt, gleich noch einmal viel spannender. Zusammengefasst: Filmmusik lässt Gefühle entstehen, bevor man überhaupt darüber nachgedacht hat.

Besonders freue ich mich aber auch noch auf und über etwas anderes: bei diesem Projekt sitzen gleich vier unserer derzeitigen Akademist*innen jeweils mit ihren Stimmführern am ersten Pult: Jihye Yoon bei den zweiten Violinen, Steven Tse bei den Bratschen und unsere Cello-Akademistin Noémie Maria Klages zusammen mit mir. Auch unsere Akademistin der ersten Violinen, Jiyoung Park, wirkt ebenfalls diese Woche mit, ebenso vorne neben unserer Konzertmeisterin YiQiong Pan, genauso wie auch David Domínguez Vargas bei den Kontrabässen mitspielt, diesmal mittig in seiner Gruppe platziert. Alle fünf Stipendiaten in einem Artikel vorzustellen, würde hier den Rahmen sprengen, daher will ich heute gerne zunächst einmal mit Noémie beginnen:

Die deutsch-französische Cellistin Noémie Maria Klages, geboren 2000 in Wolfhagen bei
Kassel, erhielt mit vier Jahren ihren ersten Cellounterricht. Mit zehn Jahren wurde sie
bereits Jungstudentin an der Hochschule für Musik Detmold bei Prof. Alexander Gebert und 2016
Jungstudentin an der Musikakademie Kassel bei Emanuel Wehse. Für ihr Bachelor-Studium ging sie nach Essen, um in der Klasse von Prof. Christoph Richter an der Folkwang Universität der Künste zu studieren, wo sie nun aktuell den Masterstudiengang in der Klasse von Prof. Bonian Tian fortsetzt. Sie besuchte mehrere Meisterkurse, u.a. bei Wolfgang Boettcher, Jérôme Pernoo, Troels Svane, Emmanuelle Bertrand, Gustav Rivinius, Peter Bruns und Maria Kliegel.
2014 wurde sie Mitglied des
Bundesjugendorchesters, wo sie später als Stimmführerin unter Dirigenten wie Kirill Petrenko und Sir Simon Rattle spielte. Konzerttourneen
führten sie u.a. nach Indien, Südafrika und Kanada.
Als Solistin spielte sie mit Orchestern wie u.a. dem Leipziger Symphonieorchester, der Jungen Philharmonie Nordhessen, den Bergischen Symphonikern und mit Mitgliedern des Frankfurter Opern-und Museumsorchester.
Mehrmals erhielt sie einen ersten Preis beim Bundeswettbewerb “Jugend musiziert”, den Sonderpreis der Deutschen Stiftung Musikleben, sowie den ersten Preis beim Peredur-Wettbewerb in Kassel.
Sie spielt ein Cello von Frank Ravatin, dessen Anschaffung durch die Stiftung “PE-Förderungen” Mannheim ermöglicht wurde.
Noémie ist Stipendiatin der Stiftung “Freunde Junger Musiker Frankfurt” und der Stiftung “Live Music Now Yehudi Menuhin” Rhein-Ruhr.
Sie spielt regelmäßig als Aushilfe beim Folkwang Kammerorchester Essen, war in der Spielzeit 2024/25 Stipendiatin der Orchesterakademie der Essener Philharmoniker und ist nun seit September 2025 Stipendiatin der Stimmführer-Akademie bei uns, der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.
Vielleicht können Sie, liebes Publikum, sich noch an meinen ersten Artikel im vergangenen Herbst über unsere Orchesterakademie und unseren anderen Cello-Akademisten Josef erinnern; dann wissen Sie, dass ich es gerne nicht nur bei dem Abdruck des Lebenslaufes belasse und mich sehr darüber freue, dass auch Noémie bereit war, mir drei Fragen zu beantworten. Ich glaube, gerade durch ihre interessanten und beeindruckenden Antworten, erhält man doch einen sehr schönen und auch persönlichen Blick auf unsere Cello-Stipendiatin.
Wenn Du ein Orchesterwerk wärest, welches bist Du und warum?
„Wenn ich ein Orchesterwerk wäre, wäre ich "Don Quixote" von Richard Strauss, weil es eines meiner Lieblingswerke ist. Mir gefällt besonders gut das Zusammenspiel des Solocellos und des Orchesters. Das Werk ist sehr facettenreich und vielfältig. Ich durfte es schon im Bundesjugendorchester spielen. Dort habe ich es kennengelernt und war direkt begeistert. Ich träume davon, irgendwann einmal auch den Part des Solocellos spielen zu dürfen.“ (Anm. d. Red.: Ja, da pflichte ich Dir bei und dies nicht nur als Cellistin. Don Quixote ist ein großartiges Stück. Einmal musste ich einige Teile des Soloparts daraus auch für ein Probespiel vorbereiten; dennoch - wir haben das Werk bereits mehrfach mit verschiedenen Cello-Solisten aufgeführt- habe ich es noch viel mehr genossen, im Orchester dabei mitzuwirken und den Dialogen von Cello und den anderen Stimmen, besonders mit der sehr exponierten Soloviola, zuzuhören.)
Was war Dein Erstes Orchester-Konzert als Zuhörer und als Spieler? Welches sind Deine Erinnerungen?
„An mein erstes Konzert als Zuhörerin kann ich mich gar nicht erinnern. Meine Eltern sind beide Musiker:innen und haben mich schon von Anfang an immer zu allen Konzerten mitgenommen. Aber mein erstes richtiges Orchesterkonzert, an das ich mich erinnern kann, war ein Kinderkonzert des Staatsorchesters Kassel.
Als Spielerin hatte ich meine erste Orchestererfahrung in einem großen Streichorchester. Da war ich ungefähr 6 Jahre alt und ich weiß noch genau, wie toll ich es fand, mit so vielen Leuten auf der Bühne zu stehen und zusammen zu musizieren.“
Die Akademie der Deutschen Staatsphilharmonie: Du bist seit Beginn dieser Spielzeit bei uns, aber hast schon viel Orchestererfahrung, angefangen vom Bundesjugendorchester noch zu Schulzeiten und nun im Studium durch Aushilfen und die Akademie bei den Essener Philharmonikern; was nimmst Du bereits für Dich mit?
„Mir gefällt es hier bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz sehr gut! Ich lerne so viele neue Werke kennen und konnte mein Repertoire an Orchesterliteratur enorm erweitern. Das finde ich wirklich toll. Mir gefällt auch, dass wir überall in der Region Konzerte spielen, so konnte ich schon richtig die Gegend, aber auch entferntere Städte kennenlernen. Ganz besonders freue ich mich schon auf die Tournéen in der kommenden Spielzeit. Das ist auf jeden Fall ein großer Unterschied zu meiner Zeit in Essen: Dort waren die Konzerte und Vorstellungen fast ausschließlich vor Ort. Besonders toll finde ich auch die Möglichkeit, vorne am 1. Pult sitzen zu dürfen, so wie diese Woche. Das ist nochmal eine ganz andere Erfahrung: Ich bin froh, es im Rahmen der Akademie ausprobieren zu können, wie es sich anfühlt in einem Profiorchester an einer vorderen Position zu sein. Von Anfang an wurde ich hier sehr herzlich aufgenommen und freue mich schon auf alle kommende Projekte und Erfahrungen!“
Vielen Dank, liebe Noémie, für Deine sehr ausführlichen und offenen Antworten! Ich bin sehr froh, dass Du Dich bei uns für die Akademie beworben hast und finde es grossartig, mit wieviel Persönlichkeit und Energie Du spielst; dies hat mir schon in deinem Probespiel sehr gefallen.
Ich möchte es natürlich an dieser Stelle nicht versäumen, Sie nun herzlich zu unseren beiden „Cinema in Concert(s)“ am morgigen Freitag in Neustadt an der Weinstraße um 19:30Uhr in den Saalbau und/oder - das Programm kann man auch zweimal hören, man muss ja den Ohrwurm „festsetzen“😉- am Samstag dann ebenfalls um 19:30Uhr im Musensaal des Rosengartens Mannheim einzuladen. Anbei vorsichtshalber noch die Links direkt zum Ticketschalter, denn tatsächlich muss man sich zumindest jetzt für Neustadt schon sehr beeilen, um noch eine Karte zu ergattern:
Für Mannheim:
Bis bald, bis morgen und herzliche Grüße,
Rut Bantay



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